Coronazän

Ein Geschmack von Sommer heute. Gott sei Dank kein Corona, sonst könnt‘ ich’s nicht schmecken. Alle tummeln sich am Flußufer, auf den Stegen der Alten Donau, drängen nach draußen, demaskiert und ohne Abstand. Leben, wie wir es von davor kannten. Neue Zeitrechnung? Vor und nach Corona-Geburt? Muss es wirklich so anders werden? Der Begriff der neuen Normalität schwirrt schon länger durch die Gegend. Demnach wäre nach Corona eine andere Normalität als davor, also eine andere Zeit, eine neue.

Nicht lange her, dass das Anthropozän definiert wurde, kommt jetzt schon eine neue Zeitendefinition dazu? Das Coronazän? Übersät von Regeln und Vorschriften, Verhaltensanweisungen und zum Alltag gewordener digitaler Überwachung, ‚Tools am Rande der Demokratie‘ sind dann ganz normal? Oder vielleicht postnormal, entnormalisiert, mit einem kurzen Blick auf das Chaos hinter diesem Regel-Vorhang, im Organismus Mensch und im Organismus Erde, innen und außen, schemenhaft die apokalyptischen Reiter am Horizont. Vorboten von Gajas Rache? Klimaregime, nur welches? Von außen zuerst und jetzt auch in uns eingedrungen von innen heraus. Kein Entkommen? Wir brauchen eine starke Regierung.

Gajas Rache? Apokalypse? So ein Blödsinn. Wo denn? Medizinisch gesehen müssen Impfstoff und Medikamente her, epidemisch gesehen braucht es Instrumente, um Infektionsverläufe rasch nachvollziehen zu können und politisch gesehen braucht es viel Aufklärung, damit die Maßnahmen verstanden und akzeptiert und wenn nötig auch gegen Widerstand durchgesetzt werden.

Keine reitenden Vorboten. Und schließlich: Wir haben uns den Wohlstand hart erarbeitet, haben eine schöne Welt geschaffen. Ob eine schöne neue oder eine schöne alte, egal. Die lassen wir uns nicht so schnell nehmen, wir haben sie uns verdient. Good old europe wird leben, mit oder ohne Wasser, Luft und Boden, mit oder ohne Viren und Verseuchungen. Unsere Wissenschafter und Techniker werden Lösungen finden (kein ..*.. ).

Hast ja recht. Wir sollten uns keine Sorgen machen, uns geht’s ja gut hier. Lass es uns genießen. Und dann kann sie kommen, diese Apokalypse. Der werden wir schon zeigen, was Sache ist. Meine Erde gehört mir. Oder?

Stephan

Corona gibt sich neoliberal

Coronamüde gewesen. Die Phase, in der es eigentlich nur noch nervt, ständig von Corona zu hören und über Corona zu denken. Sinnhaftigkeit von Maßnahmen bezweifelt, ganz sicher nicht bei 35 Grad mit Maske. Dafür war das Virus gnädig und hat sich rechtzeitig zum Beginn der Tourismussaison zurückgezogen, damit Strände und Stände wieder gefüllt werden können. Auf eigene Gefahr, versteht sich.

Maßnahmen werden zurückgenommen, doch Angst und Misstrauen hinterlassen Rückstände in der Psyche. Jederzeit abrufbar, wenn coronaähnliche Situationen auftreten, egal welcher couleur. Schnell kann das Gegenüber wieder zur möglichen Bedrohung werden. Ein gewisses Misstrauen wird zur Grundhaltung in sozialen Kontakten und Abstandhalten zur sozialen Verantwortung.

Man geht nicht mehr einfach so zu einem Treffen wo viele Leute zu erwarten sind, die nah beieinander stehen, wie das früher ganz normal war. Gedanken schieben sich dazwischen, wer wird dort sein, wie sehr wird auf den Abstand geachtet, sollte ich sicherheitshalber nicht doch eine Maske tragen.

Themenwechsel. Seit über drei Jahrzehnten ist ein Prozess der gesellschaftlichen Spaltung und sozialen Entbettung in Gang. Solidargemeinschaften wurden zerstört, Gewerkschaften gezielt zerschlagen, öffentliche Sozialleistungen wo immer möglich privatisiert. Sozialstaatliche Einrichtungen, als Ausdruck und Institutionalisierung gesellschaftlichen Zusammenhalts, wurden unter der Supralogik der Gewinnmaximierung ausgeräuchert, Arbeits- und Lebenswelten großflächig dieser Logik unterworfen. Bis hin zur Einzelperson, die zur selbstoptimierten Ich-AG modelliert und durchökonomisiert wieder ausgespuckt wurde. Jeder gegen jeden und ich gegen alle. Ja, ich schaffe das.

Diese diffizilen Spaltungen durch alle Bereiche und Lebenswelten werden nun von anderer Seite im mikro-gesellschaftlichen Bereich vollendet. Jede und jeder kann zum Gefährder werden, im schlimmsten Fall bis zum Tod. Und wenn es nur ein flüchtiger Gedanke ist, der gleich wieder verweht, das Grundmisstrauen, dass jede andere Person ein Feind sein könnte, ist nicht mehr aus der Welt zu bringen. Zumal man auch völlig symptomfrei Überträger sein kann. Damit scheint Corona das jahrzehntelange Tagewerk des Neoliberalismus im Mikro-Bereich der Gesellschaft mit Bravour zu vollenden. Mehr geht nicht. Jede und jeder könnte Feind sein. Aufbau von Solidargemeinschaften? Danke nein. Abstand halten ist angesagt.

Stephan

Demokratie: Schachmatt

Eine sog. Task force mit dem klingenden Titel ‚Covid-19 Future Operations Clearing Board‘ zu so wesentlichen Bereichen wie Gesundheit, Grundversorgung, Wirtschaft/Arbeistmarkt und Gesellschaft / Psychosoziales unter Geheimhaltung durchzuführen, das kommt einer General-Entmündigung der Bevölkerung gleich. Die machen, wir befolgen. Und wir können nicht einmal inhaltlich Stellung nehmen, weil uns schlicht die Infomationen fehlen. Demokratie: Schach matt.

Arm und Reich

Was wir ständig hören: Die Pandemie trifft die Ärmsten am härtesten. Der Taifun trifft die Ärmsten am härtesten. Der Krieg trifft die Ärmsten am härtesten. Gibt es eigentlich irgendwas, das die Reichsten am härtesten trifft? Eine Vermögenssteuer? Sie würde ihren Luxus um nichts – um gar nichts schmälern. Könnte aber den Ärmsten zugute kommen, wo es um Existenz und Leben geht.

Angst oder Verantwortung

Im Nachhinein ist es immer leicht, zu sagen, das hätte man anders oder besser machen können. Stimmt schon. Wenn es darum geht, ‚was‘ entschieden, welche Maßnahmen gesetzt werden mussten, ist wohl die damalige Gesamtsituation mitzudenken. Die Unsicherheit war groß, kaum verlässliche Informationen oder gar adäquate Vergleichsszenarien, zusätzlich abschreckende Beispiele aus anderen Ländern – inhaltlich mussten die Maßnahmen auf dünnem Boden entschieden werden. So viel zum ‚was‘.

Um das ‚wie‘ steht es aber anderes. Ob ich eine Verordnung sachlich argumentiere, sie verfälschend oder manipulierend darstelle oder über Emotionen vermittle, das macht einen Unterschied. Hier finde ich es auch im Nachhinein berechtigt, zu sagen, das hätte man anders machen können. Das ‚was‘ unterliegt einem Imperativ. Das ‚wie‘ nicht.

Wie mit dem Schüren von Ängsten manipuliert wurde ist hinlänglich bekannt (jeder wird jemand kennen …, 100.000 Tote, der Begriff der ‚Lebensgefährder‘, …) und mit Verzerrung von Information (es gibt nur vier Gründe, dass Sie außer Haus gehen dürfen, und später wurde deklariert, ein Besuchsverbot hätte nie bestanden), die Liste wäre lang. Es wurde, wie man inzwischen weiß, auch ganz bewusst, mit der Angst gearbeitet. Argument: Sonst hätten sich die Leute nicht daran gehalten.
Wie kommt man auf diese Idee? Womit belegt man sie?

Hätte man gleich an die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger appelliert, sachlich und umfassend informiert, bin ich mir ziemlich sicher, es hätte genauso Wirkung gezeigt. Ob es damit funktioniert hätte und ohne Angstmache nicht – beides bleibt offen. Wobei klar ist, dass ein Volk, das Angst hat, leichter zu lenken ist. Nur sollte das kein Instrument des Krisenmanagements sein. Menschen Angst zu machen hat in der Pädagogik nichts verloren und auch nicht in der Politik. Wir brauchen weder eine ‚Schwarze Pädagogik‚ noch eine ‚Schwarze Politik‚.

Nach jeder überstandenen Krise bleibt etwas zurück. Durch die gewählte Methode bleibt vor allem Angst zurück, in ihrer Wirkung vermutlich unterschätzt: Anhaltende Ängste, Misstrauen, Verunsicherung, Depression und Rückzug, Vermeidung von Kontakten, verankert in der Angst vor einer zweiten Welle.

Hätte man gleich zu Anfang an die Verantwortlichkeit appelliert, wäre etwas anderes zurückgeblieben: Sicherheit, durch die Übernahme von Verantwortung und eigenes Handeln etwas zu bewirken, Vertrauen in sich und andere, das Selbstbewusstsein, schwierige Situationen gemeinsam und solidarisch meistern zu können. Auch im Fall einer zweiten Welle.

Eine so eingestellte Bevölkerung, würde sich weniger leicht steuern lassen, wäre aber deutlich besser befähigt, gesellschaftliche Herausforderungen solidarisch und im Sinne des Gemeinwohls zu bewältigen.

Stephan